„Eine Operette, präzise wie ein Uhrwerk“

Von Martin Möller (erschienen im Trierischen Volksfreund, am 3. Dezember 2018)

Trier. Andreas Rosar inszeniert Offenbachs Operette „Pariser Leben“ im Trierer Theater.

Das Stück muss zu einer Zeit spielen, als die Bahn noch pünktlich war. Jedenfalls strömen auf der Trierer Bühne die Passanten durch die schlichte Bahnhofs-Vorhalle ohne jede Hektik, und haben auch keine Probleme mit einem Zweierbett samt Personen im Bahnhof. Das war gleichfalls auf die Reise gegangen. Baron und Baronin Gondremarck aus Schweden wollen ihr Liebesleben aufpeppen, und das natürlich in Paris. Außerdem sitzen noch Gardefeu und Bobinet im Gebäude – liebeslustig, miteinander verkracht und alsbald versöhnt, als die von beiden heiß begehrte Halbweltdame Métella mit einem anderen erscheint.

Und dann beginnt in Jacques Offenbachs „Pariser Leben“ das Verwirrspiel um Begehren und Verführen, um die kleinen und großen Intrigen, um aussichtslose Hoffnungen und falsche Versprechen, um ein fingiertes Gastmahl und ein Hotel, das gar keins ist. Hausmädchen verkleiden sich als Lebedamen, ein Schuster wird zum Offizier und eine Handschuhmacherin zur noblen Gastgeberin. Ein Sozialismus der besonderen Art stellt sich ein: Für ein paar Stunden sind alle gleich – egal ob Kokotte oder biedere Ehefrau, egal ob erotisch erfahrener Fremdenführer oder Baron mit amourösen Absichten. Das Leben in Paris spielt sich in der Trierer Neuinszenierung in schlichten, aber originellen Bühnenbildern ab (Martin Warth). Aber gerade die unspektakuläre Umgebung macht, was da in herrlich bunter Kostümierung (Carola Vollath) auftritt, doppelt spannend, doppelt amüsant. Und am Ende, wenn das komödiantische Pulver scheinbar schon verschossen ist, erscheint Madame de Quimper, die legendäre alte Dame, auf der Bildfläche und beschert allen einen letzten komisch-erotischen Höhepunkt.

Einer behält im Mit- und Gegeneinander auf der Bühne unbeirrt einen kühlen Kopf. Das ist Regisseur Andreas Rosar. Unter seinen Händen läuft diese Operette mit der Präzision eines analogen Uhrwerks ab. Ein Element greift ins andere. Rosar gelingt das Kunststück, Vielfalt auf die Bühne zu bringen und doch den roten Faden im Handlungsablauf nie zu verlieren. Egal, was passiert, der Zuschauer weiß, woran er ist. Gruppenszenen bleiben beweglich ohne jede Pseudo-Aktivität. Und die Deutlichkeit und Akzentfreiheit der Sprache wird man wohl auch Rosar zurechnen dürfen. Hexerei? Nein, einfach nur exzellente Regiearbeit!

Unter solch hervorragenden Umständen formieren sich die 16 im Programmheft benannten Darstellerinnen und Darsteller mitsamt Chor (Angela Händel) und Ballett (Damien Nazabel) zu einem Ensemble von erstaunlicher Einheitlichkeit. Die Hürden zwischen Operngesang und Schauspiel-Darstellung verlieren sich. Sänger werden zu Schauspielern, und Schauspieler zu Sängern. Und beinahe ist es ungerecht, aus den drei Dutzend Personen, die sich beim Schlussablauf auf der Bühne drängten, nur wenige zu benennen: Carl Rumstadts brillanter Gardefeu, Janja Vuletic als erotisch-selbstbewusste Métella, Karsten Schröters nordisch-markanter Baron Gondremarck, Michael Hiller in der Doppelrolle von Schuster Frick und der ältlich-resoluten Madam de Quimper, Stephanie Theiß als Handschuhmacherin Gabrielle oder auch Silja Schindler als Stubenmädchen Pauline.

Unten im Graben steht Wouter Padberg und hält Bühnenakteure und die klein besetzten, erstaunlich beweglichen Philharmoniker sicher zusammen. Und vollzieht sensibel nach, wie sich in dieser Operette die Musik entwickelt – vom einfachen Lustspiel-Tonfall zu Beginn bis hin zum herrlich vielfältigen Ensemble am Ende des vierten Akts. Schritt für Schritt entfaltet diese Komposition ihren Reichtum. Offenbachs Mozartnähe, die der Kulturkritiker Karl Kraus als einer der ersten entdeckte, sie ist im Trierer Theater eine wunderbare, eine klingende Realität geworden.