„Diese Musik transportiert magische Energie.“

Kannst du dich an dein Gefühl erinnern, als du die Zauberflöte zum ersten Mal gehört oder gesehen hast?
Wouter Padberg: Ich war etwa 12 und es war in den Niederlanden Und das war dann auch eine gekürzte Fassung, an die ich mich nicht im Detail erinnern kann. Aber es war mit Schauspielern und mit Puppen. Ich war entzückt davon, das hat mich völlig mitgerissen.

Und bei dir, Johanna?
Johanna Mergener: Das Witzige ist, die Zauberflöte war meine erste Oper, wo ich wirklich das Gefühl hatte, dass ich mitwirken durfte. Es war meine zweite Oper, aber die Oper, bei der ich gemerkt habe, ich möchte Oper machen, ich möchte im Musiktheater sein. Das sind meine Leute. Das ist meine Kunstform. Das Spannende und Schöne jetzt ist, dass wir versuchen, das gleiche Gefühl an unser Publikum zu vermitteln. Denn unser Ziel ist es, einen Opernabend für Kinder zu gestalten. Einen Abend, in die Kinder drinsitzen und wirklich nur Oper schauen und lernen können, wie eine Oper zusammengestellt wird. Es ist ganz besonders für mich, das jetzt mit dem gleichen Stück machen zu dürfen.

Wouter Padberg: Und noch ein Element kommt hinzu. Normalerweise findet so ein Musiktheaterwerk oder eine Oper auf der Bühne statt und das Orchester spielt im Graben. Man hört die Musik, aber in der Regel sieht man nicht die Leute die das machen und das ist natürlich doch ein ganz wesentlicher Teil. Das ist auch, was unsere kleine Zauberflöte anders macht als eine normale Produktion: dass das Orchester auf der Bühne ist und deswegen sichtbar. Man sieht die Leute wirklich spielen. Dadurch nimmt man die Musik auch anders und bewusster wahr und dann gibt es noch diese Momente von Interaktion mit dem Orchester: mal darstellerisch, mal musikalisch, mal mit kleinen Geräuscheffekten.

Johanna Mergener: Man bekommt durch diese Improvisation, die Rahmenhandlung, die du geschrieben hast mit, wie die Zusammenarbeit zwischen den Sängern gestaltet wird und auch zwischen dir und dem Orchester, dir und den Sängerinnen und Sängern und dem Orchester. Also man hat wirklich das Gefühl, dass alle zusammen dieses Werk auf die Bühne bringen – und nicht nur die Leute, die auf der Bühne stehen.

Also dann erzählt ihr zwei Dinge gleichzeitig: Einerseits die Zauberflöte von Mozart, aber auch, wie Oper überhaupt gemacht ist, was alles notwendig ist, damit eine Oper auf die Bühne kommt?Johanna Mergener: Wir haben eine Rahmenhandlung, dass die Darsteller etwas Vorspielen wollen, aber noch nicht wissen was und sich dann entscheiden, sie wollen die Zauberflöte spielen. Die ist zwar geprobt, aber noch nicht perfektioniert. Dadurch entstehen kleine Fehler und man sieht, wie wichtig Requisiten und Kostüme sind und wie geprobt werden muss.

Wouter Padberg: Wie wichtig Vereinbarungen untereinander sind auch. Wenn man zu einer Vorstellung kommt, dann ist alles natürlich quasi perfekt. Ich finde es aber immer schön zu zeigen, was der Weg dahin ist, was der Prozess war und dass wir alle Menschen sind und dass wir auch oft Entscheidungen treffen. Ein wenig wie im Fußball. Da muss man auch trainieren, um fit zu sein und bestimmte Abläufe zu verstehen. Aber Moment auf dem Platz ist es im Prinzip improvisiert und man muss es ganz schnell reagieren auf das was passiert. Man hat etwas vorbereitet, aber man weiß nie wirklich, wie es läuft. Diese Zauberflöte hat etwas davon. Wir haben alles geprobt, aber wir wollen auch ein wenig zeigen: Es entsteht jetzt in diesem Moment.

Johanna Mergener: Zu diesem Entstehungsprozess laden wir ein. Dass die Kinder das mitbekommen und sehen und vielleicht das Gefühl haben. Das ist ja nicht anders als wenn ich auf dem Spielplatz spiele. Das Spielen ist eigentlich das gleiche auf der Bühne oder auf dem Spielplatz.

Wouter Padberg: Diese Rollenspiele, ‚Ich bin die‘ und ‚du bist die‘, nein, ‚ich möchte der sein‘, und dann spielt man und man ist einfach die Figur. Das haben wir auch versucht zu übersetzen, das Kindliche, das Spielerische.

Das klingt so, als ob ihr die Zauberflöte für die Kinder macht, die ihr wart, als ihr die Zauberflöte zum ersten Mal gesehen habt.
Wouter Padberg: Für mich sind diese Konzerte – die Familienkonzerte generell – im Grunde genommen so etwas, wo ich versuche mich wieder daran zu erinnern, wie ich als Kind war oder wie es ist, Kind zu sein und dann auch die Erwachsenen zu erreichen, dass die auch wieder das Kind in sich spüren. Wir waren alle Kinder und irgendwann sind wir aus Versehen erwachsen geworden. Die Kindheit ist vorbei, aber doch irgendwie noch da und das sollten wir auch beschützen.

Johanna Mergener: Als Künstler haben wir das Glück, dass wir immer weiterspielen und das muss man eigentlich bewahren. Das Spielen ist unheimlich wichtig, um Kunst zu machen und Stücke auf die Bühne zu bringen. Mit der Zauberflöte ist das für uns jetzt extra schön, weil wir das wirklich ganz kindlich machen können. Da muss nichts ernst sein.

Das ist jetzt die spielerische, kindliche Seite. Aber da steckt auch sehr viel Arbeit dahinter. Ihr habt die Zauberflöte von etwa drei Stunden auf gut eine Stunde gekürzt. Wie seid ihr da vorgegangen, welchen Fokus habt ihr gesetzt?
Johanna Mergener: Das war eine lange Zusammenarbeit. Auch eine schwierige Zusammenarbeit, denn in der Zauberflöte steckt viel drin. Wenn wir versuchen einen Opernabend für Kinder zu machen und dabei versuchen, die Geschichte nicht zu sehr umzuschreiben, muss man sich erstmal wirklich bewusst sein, was wichtig ist. Was sind die Gesichtspunkte, die wir wirklich behalten wollen? Ich habe mich mit dem Text befasst und habe den runtergekürzt auf das, was ich am Wichtigsten fand und dann umgeschrieben auf eine moderne kindgerechte Sprache. Und du hast die Musik ähnlich gekürzt, oder?

Wouter Padberg: Wichtig war, dass wir so viel Musik wie möglich drin haben wollen – und dass wir mit der Musik die Handlung erzählen. Wir wollten sehr nah am Original bleiben, aber das bedeutet, dass dann die Schere kommt…

Johanna Mergener: Aber ich finde, du hast es sehr schön geschafft, bei vielen Stücken nicht nur drauf zu achten, dass die Handlung weiterfließt, sondern dass auch diese schönen musikalischen Momente, die wir alle lieben, trotzdem drin sind.

Wouter Padberg: Es kann auch schnell so werden, dass man nur die Highlights spielt und die anderen Sachen ein bisschen außer Acht lässt. Aber es sind gerade auch viele leisere, mehr innerliche Momente, denen wir auch einen Platz gelassen haben. Die gehören auch zu dem Werk und sind ganz fantastisch. Ich denke, dass Kinder nicht nur diese hohe Energie – schnell, laut, lustig – vorgespielt bekommen müssen, sondern auch die anderen Farben, Geschmäcker und Gefühle.

Ketzerische Frage: Gewinnt oder verliert die Oper durch die Kürzung?
Wouter Padberg: Also das Original ist sowieso besser. Aber es gibt im Englischen den schönen Satz: You win some, you lose some. Und das ist hier hoffentlich auch der Fall. Also dass man sagt, wir verlieren einen Teil der Musik – das sind auch fantastische, genauso wunderbare Momente, hier eine zweite Strophe, da der B-Teil einer Arie, was vom Chor –, den wir jetzt schmerzlich vermissen. Gleichzeitig gewinnen wir etwas, was das kompensieren kann.

Johanna Mergener: Die Zauberflöte ist eine sehr schwierige Oper. So, wie sie ist, kann man sie heutzutage nicht mehr auf die Bühne bringen. Wir gewinnen schon viel, indem wir die Geschichte streamlinen, indem wir uns wirklich bewusst sind, welche Teile dieser Geschichte heute nicht mehr akzeptabel sind und die umschreiben für Kinder und das gesamte Publikum. Dass wir keine Teile drin haben, wo Männer immer recht haben und Frauen leise sein sollen. Die rassistische Figur haben wir auch umgeändert und da finde ich gewinnt man sehr viel, wenn man seine eigene Fassung schreiben kann, weil man dann wirklich den Kern der Geschichte, das Magische erhalten kann.

Wieder zurück auf die Bühne. Wie können wir uns die Bühne vorstellen? Was wird dort alles passieren?
Johanna Mergener: Das Orchester sitzt auf der Bühne verteilt und durch das Orchester führen Stege und Durchgänge, damit die Darsteller nicht nur vor, sondern auch im Orchester spielen können. Das ist spannend, da kann man mehrere Geschichten auf einmal erzählen. Der Traum war immer, dass es trotz einem Familienkonzertrahmen, wo man keinen ganzen Zauberwald in echt auf die Bühne stellen kann, genug die Fantasie der Kinder erregen mit bunten Farben, mit den glitzernden Blättern, mit den Orchestermenschen mit kleinen Kostümelementen. Die Figuren sind alle etwas komisch und fantastisch und surreal. Das ist eine schöne Mischung aus ‚in unserer echten Welt bleiben‘ mit unserem Orchester und gleichzeitig die Fantasie erregen.

Du hast gerade von der Fantasie der Kinder gesprochen, aber eure Zauberflöte ist nicht nur für Kinder gedacht, oder?
Wouter Padberg: Für Kinder und alle Kinder, die aus Versehen erwachsenen geworden sind. Das ist eigentlich noch immer mein Motto für diese Art Konzerte und natürlich auch für diese Zauberflöte. Dass wir vielleicht durch die die Brille von einem Kind die Welt noch einmal neu sehen lernen. Von der Bühne und der Musik wird viel angeboten, da gibt es so viele Anknüpfungspunkte für jeden. Da ist immer etwas, wo jemand findet, das trifft mich direkt im Herz.

Was nimmt man mit, wenn man in dieser Zauberflöte sitzt?
Johanna Mergener: Das Verständnis, dass die Oper eine Zusammenarbeit von Künsten ist, von Tanz, von Musik, von Gesang, von Schauspielern, von allem Drum und Dran.

Wouter Padberg: Die Musik. Wenn man das live hört und das wird noch szenisch und darstellerisch unterstützt, ich glaube nicht, dass es Menschen gibt, die dadurch nicht berührt werden. Diese Musik transportiert eine magische Energie.

Johanna Mergener: Wir kommen damit wieder zurück auf die Wichtigkeit des Spielens und der Fantasie für alle Menschen. Das ist nicht nur etwas, was Kinder können und machen. Wir verlieren das ein bisschen als Erwachsene. Aber ich finde, durch unsere Fassung erinnern wir noch einmal daran, wie wichtig das auch für uns als Erwachsene ist und dass wir dadurch unsere Welt, unsere Kunst und unser Erlebnis vom Leben wieder erweitern können.

Denkt ihr über Mozart nach? Fragt ihr euch, ob eure Kleine Zauberflöte in Mozarts Sinn ist?
Wouter Padberg: Ich habe mehrere Biografien zu Hause. Letzte Woche habe ich wieder eine rausgenommen und neue Sachen entdeckt. Auch in den Briefen, Mozarts Briefwechsel mit unterschiedlichen Leuten, kommt man ihm sehr nah. Das ist schon wirklich sehr besonders. Das hat mit ein bisschen gerührt.

Denkt ihr über Mozart nach? Fragt ihr euch, ob eure Kleine Zauberflöte in Mozarts Sinn ist?

Wouter Padberg: Ich habe mehrere Biografien zu Hause. Letzte Woche habe ich wieder eine rausgenommen und neue Sachen entdeckt. Auch in den Briefen, Mozarts Briefwechsel mit unterschiedlichen Leuten, kommt man ihm sehr nah. Das ist schon wirklich sehr besonders. Das hat mit ein bisschen gerührt.

Johanna Mergener: So wie ich den Mann verstehe, hat er sich und seine Kunst nicht immer nur ernst genommen. Das ist bei so einem Stück ganz cool, weil man das Gefühl hat, das fände er wahrscheinlich ganz witzig. Was wissen wir schon, aber er hat selbst auch viel Unfug gemacht und sich selbst nicht so ernst genommen und das ist genau das, was wir hier auch machen. Wir wollen ja Spaß haben und eine schöne Geschichte erzählen. Aber wir nehmen uns nicht so unheimlich ernst.

Mozart hat die Zauberflöte ganz am Ende seines Lebens zeitgleich mit dem Requiem geschrieben…
Wouter Padberg: … und schon drei Kinder verloren…

… und ihr redet von Spaß und Offenheit. Das zeigt vielleicht auch, wie wichtig dieser Ausgleich des Spielerischen ist zu der anderen Seite des Lebens.
Johanna Mergener: Auch in der Entstehung wurde das tausendmal umgeschrieben. Auch von Emanuel Schikaneder, der das Libretto gemacht hat. Da gibt es ganz viele Momente in der Oper, die mittlerweile keinen Sinn mehr ergeben, weil das alles so viel umgeschrieben wurde. Deswegen finde ich das auch gar nicht so wild, dass wir das nochmal gekürzt und umgeschrieben haben. Ich glaube nicht, dass das gegen den Sinn der Zauberflöte geht.

Wouter Padberg: Die Leute damals waren auch sehr pragmatisch. Wenn da eine gute Sängerin war, dann hat er noch eine extra Arie eingebaut. Ob das dann dramaturgisch wirklich viel gebracht hat, war nicht so wichtig. Wir denken oft an den Urtext nach dem Motto, so ist es, so war es, so muss es bleiben. Mit Respekt gegenüber dem Stück und dem Komponisten und Librettisten darf man manchmal vielleicht auch was ausprobieren.

Johanna Mergener: Ich finde, Mozart ist genau der richtige Komponist dafür.

Was wünscht ihr euch, wie das Publikum aus der kleinen Zauberflöte rausgeht.
Wouter Padberg: Wie fantastisch ist, was mir diese Musik geboten hat und wie fantastisch ist, was Menschen uns geben können. Wir geben dem Publikum etwas. Wir führen nicht nur etwas auf, das wir geprobt haben. Nein, wir versuchen einfach, ganz große Emotionen zu vermitteln. Die Menschen auf der Bühne transportieren Gefühle mit der Musik, weil sie davon ganz erfüllt sind. Wenn das Publikum davon etwas erreicht, dass sich die Menschen im Zuschauerraum gerührt fühlen und denken, wie großartig diese Musik ist und wie schön, dass es das gibt und aufgeführt wurde und man dabei sein konnte, dann fände ich das großartig.

Johanna Mergener: Ich denke an das, was ich am Anfang gesagt habe, was die Zauberflöte mir gebracht hat. Das Verständnis, dass die Oper eine Zusammenarbeit von Künsten ist, von Tanz, von Musik, von Gesang, von Schauspielern, von allem Drum und Dran. Wenn wir wenigstens einen kleinen Teil dieses Gefühls übermitteln können, das Verständnis und diesen Respekt davor, dass die Oper so viele verschiedene Arten von Kunst zusammenbringt, würde mich das freuen.