Götterdämmerung einer Diva

13. September 2021

Jean-Claude Berutti inszeniert „Meisterklasse“ mit Stephanie Theiß als Maria Callas am Theater Trier.

VON DR. RAINER NOLDEN

Sie gehörte zur Gattung der „monstres sacrés“ – bewundert, respektiert, gefürchtet, geliebt wohl kaum (abgesehen von ihrem Publikum) und irgendwie nicht von dieser Welt: Maria Callas, für viele Opernfans die größte Sopranistin aller vergangenen und kommenden Zeiten – und das noch 44 Jahre nach ihrem Tod.

[…] Großes Drama also, und ein Meisterstück für eine Schauspielerin, die die Tragödin ebenso geben darf wie die Zynikerin, bei der trockener Humor und Tränen sowie beißende Selbstironie dicht beieinander liegen. Und die sich, bis zum Schlussakkord ihrer Karriere, eine gesunde Portion Stutenbissigkeit bewahrt hat, die Pathos mitbringt und die Peitsche schwingt.

All diese Eigenschaften haben Regisseur Jean-Claude Berutti und seine Protagonistin Stephanie Theiß mit (selbst-)quälerischer Präzisionsarbeit bei der Premiere am Theater Trier ans Licht gezerrt. Callas/Theiß kommt nicht auf die Bühne, sie tritt auf – in einem schlichten, dunkelgrauen Hosenanzug und großer Handtasche. Die einzige Extravaganz, die sie sich leistet, ist eine übergroße Sonnenbrille (Kostüme: Carola Vollath).

Ganz Diva, wenn auch Ex, weist sie zunächst den Pianisten in seine Schranken (Malte Kühn ist der nahezu stumme Diener am Klavier, der die angst- und hoffnungsvollen Schüler behutsam über die musikalischen Fallgruben hinweg begleitet), dann erteilt sie dem Publikum Anweisungen, wie es sich in dieser Stunde zu verhalten habe („Keinen Applaus, bitte. Wir sind hier, um zu arbeiten. Sie sind nicht im Theater. Kein Ort für Tralala. Dies ist eine Meisterklasse. Singen ist eine ernste Angelegenheit. Wir werden jetzt die Ärmel hochkrempeln und arbeiten.“)

Mit dieser Frau ist nicht zu spaßen, das merken auch ihre Schüler: die unbedarfte Sophie de Palma (Einat Aronstein), die erst kesse und dann wütende Sharon Graham (Liliana Merker) und der vor Selbstbewusstsein platzende Antonio Candolino (Derek Rue), die auch noch den großen Fehler begehen, gekleidet zu sein wie für einen Jahrmarkts- oder Nachtclubbesuch.

Wenn die drei der Ansicht sind, singen zu können (was das Publikum im Zuschauerraum natürlich sofort bejahen würde und sich trotz Warnung sogar zu applaudieren traut), so werden sie von der Lehrerin rasch eines Besseren belehrt: Leute, die „nur singen“, waren Maria Callas zuwider. Operngesang ist hohl und nichtssagend, wenn Sängerinnen und Sänger sich nur auf die Stimme konzentrieren, wenn er nicht die Seele und die Emotionen bloßlegt, die tief in den Figuren verborgen sind.

[…]  Obwohl ihre Schüler(inn)en bei weitem nicht das leisten, was sie erwartet, bringen deren Vorträge schmerzhafte Reminiszenzen zum Vorschein. Und so wird das Klassenzimmer zur Bühne der eigenen Biografie (im wahrsten Sinne des Wortes sprengt Berutti, der auch für die Szenerie verantwortlich zeichnet), den Rahmen eines kargen Unterrichtsraumes und arbeitet mit (reduzierten) Bühnenbildern, was insofern logisch ist, als sie ein Teil der Vergangenheitsbewältigung sind, die diese Unterrichtsstunde für die Lehrerin sind.

In diesen geradezu traumwandlerischen Momenten durchlebt Maria Callas die eigenen Triumphe als Lady Macbeth oder Lucia di Lammermoor, und Theiß beginnt zu spielen, kniet nieder, hebt die Hände zum Himmel. Das ist großes Drama und Pathos pur, aber es passt, zumindest in diesem Moment, zumal Theiß sich das wirklich operndivahafte Gebahren versagt.

Diese Szenen werden kontrapunktiert von Aussagen Aristoteles Onassis (Christian Niegl leiht ihm die Stimme), der sich damit brüstet, als reichster Grieche der Welt die größte Sängerin der Welt gekauft zu haben; noch so eine Demütigung für die „primadonna assoluta“, die diese mit vermeintlich stoischem Gleichmut aushält. […]

Die gesamte Kritik zum Nachlesen auf volksfreund.de:

https://www.volksfreund.de/nachrichten/kultur/premiere-von-terence-mcnallys-meisterklasse-am-theater-trier